Baudelaire schlaflos

23. Juni 2014

575px-Charles_Baudelaire_1855_Nadar

 

Die Abendämmerung

Seht hier den Abend mild, ein Freund ist er dem Dieb
Dem Hehler gleich er naht, mit stummem Schritt; vertrieb
Ganz sanft bald den Tag, der die Nacht gebiert
Der rastlose Mensch sich wandelt zum Tier.

O Nacht, freundliche Nacht, von den Müden ersehnt
Deren Glieder sind matt und seufzen gelähmt
Heut‘ges Werk ist vollbracht! – Durch den Abend erquickt
Ist der Geist, nimmt den Schmerz, der so arg bedrückt
Dem verbohrten Gelehrten, dem schwer wiegt sein Haupt
Wie dem tät‘gen Arm dem nun Rast wird erlaubt.
Es erheben dawährend dumpf sich in den Raum
Dämonen, wie Händler des bösen Traums
Leis‘ streichen an Fenster und Tür sie vorbei.
Quer durch schumm‘rigen Glanz, den der Wind bespeit
Erleuchtet die Stadt von Prostitution
Wie ein Schwarm Termiten eilt sie im Strom
Auf heimlichem Weg, den sie bahnt sich leicht
Als sei sie ein Feind, der wagt einen Streich
Sie durchkämmt die Stadt, die der Morast zerfrisst
Wie ein Wurm, der dem Menschen raubt was er ißt.
Hier das Röcheln der Küchen man hört und da
Das Gebell der Theater und rasselnde Bars
An gastlichen Tischen der Spiele sich erfreu‘n
Die Gauner und Luder und ihre Getreu‘n
Und auch die Diebe ohne Gnade und Rast
Sie beginnen ihr Werken schon bald frei von Hast
Und bezwingen ganz sachte Riegel und Schloß
Zur Kleidung ihrer Huren und drei Tage Kost.

Besinn Dich, mein Geist in der schweren Stund‘
Und wende Dich ab von dem lärmenden Schlund
Verbittert sind die Kranken in ihrem Schmerz
Die Dunkelheit der Nacht, sie vergiftet ihr Herz
Und an dem ew‘gen Abgrund erfüllt sich ihr Los
Ihre Seufzer verhall‘n im Lazarett und bloß
Noch ein paar werden morgen nehmen ihr Mahl
Bei einem lieben Menschen, spät, im warmen Saal.

Noch haben die meisten sie niemals erlebt
Jene Süße des Heimes und niemals gelebt!

 

Kommentar schreiben